Risiko Nr. 8: Das deutsche HQ versteht Frankreich nicht

Serie: Die 20 größten Risiken deutsch-französischer Industrieprojekte – Risiko Nr. 8 von 20
„Frankreich kennen wir." Kaum ein Satz hat deutsch-französische Industrieprojekte mehr Geld gekostet. Und trotzdem fällt er in erstaunlich vielen Vorstandssitzungen.
Montagmorgen. Videokonferenz zwischen dem deutschen Headquarter und der französischen Tochter. Der französische Geschäftsführer sagt:
„Wir müssen diese Entscheidung jetzt treffen. Sonst verlieren wir den Kunden."
Kurze Stille. Dann antwortet das HQ:
„Wir verstehen den Zeitdruck. Aber bitte zuerst den Freigabeprozess einhalten."
Alle nicken. Das Meeting endet. Vier Wochen später ist der Kunde beim Wettbewerber.
Im Projektbericht steht später: „Auftrag verloren." Was dort nicht steht: Der Auftrag wurde nicht in Frankreich verloren. Er wurde im Meeting vier Wochen zuvor verloren.
Das Perfide daran? Niemand hat einen Fehler gemacht. Das deutsche HQ hat professionell gehandelt. Die französische Tochter ebenfalls. Beide Seiten waren überzeugt, vernünftig zu entscheiden. Nur nach unterschiedlichen Regeln. Und genau deshalb erkennt niemand das Risiko.
Die Warnsignale sind leise. Die Berichte sehen gut aus. Die KPIs stimmen noch. Die Meetings verlaufen freundlich.
Bis plötzlich ein Geschäftsführer kündigt, ein Schlüsselkunde abspringt, eine Transformation ins Stocken gerät, oder eine französische Tochter nur noch Dienst nach Vorschrift macht.
Dann beginnt die Suche nach dem Schuldigen. Dabei lag die eigentliche Ursache Monate früher. Unsichtbar. Zwischen zwei Denkweisen.
Die teuersten Risiken deutsch-französischer Projekte entstehen selten in der Produktion. Sie entstehen in Besprechungsräumen. Dort, wo beide Seiten glauben, dieselbe Sprache zu sprechen.
Das größte Risiko ist nicht, Frankreich nicht zu kennen. Das größte Risiko ist zu glauben, man kenne Frankreich bereits.
Genau deshalb sind die gefährlichsten Risiken oft diejenigen, die niemand als Risiko erkennt.
Welche Situation zwischen deutschem Headquarter und französischer Tochter hat Sie im Nachhinein am meisten überrascht?

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